Von Digital Natives, alten Hasen und der KI

Jan. 09, 2026

Von Digital Natives, alten Hasen und der KI

Neue Herausforderungen für jüngere Beschäftigte und die betriebliche Nachwuchsförderung

Vor gar nicht allzu langer Zeit hatten erfahrene ältere Beschäftigte und vor allem Babyboomer in Unternehmen ernsthafte Sorgen, den Anschluss an die digitale Transformation und die nachfolgenden Generationen der Digital Natives zu verlieren.

 

Zahlreiche plakative Headlines aus den Medien zeugen noch davon:

  • „Digitalisierung der Arbeit: Gefangen in der Angststarre“ (DIE ZEIT, September 2017)
  • „Wenn Mitarbeiter die Digitalisierung verweigern“ (Süddeutsche, April 2018)
  • Digitalisierung: „57,6 Prozent fürchten, dass die ältere Generation den Anschluss verliert“ (Haufe News, August 2020)
  • „Ältere Menschen leben auf einer analogen Eisscholle“ (DIE ZEIT, September 2021)

 

Manche erfahrene Beschäftigte fühlten sich in Unternehmen sogar altersdiskriminiert. Andere machten die positive Erfahrung: von den Jüngeren kann man lernen und wird von diesen auch unterstützt.

Natürlich ist der digitale Transformationsprozess in Wirtschaft und Gesellschaft noch nicht abgeschlossen.
Aus heutiger Sicht lässt sich aber feststellen, dass die Babyboomer den digitalen Wandel trotz anfänglicher Bauchschmerzen oder Widerstände bislang überwiegend gut gemeistert haben. Unterstützt durch formale oder informelle Weiterbildung wurden sie nicht einfach abgehängt.

Im Oktober 2025 erschien im „Handelsblatt“ sogar ein Beitrag unter der Überschrift:
Wieso Babyboomer für die digitale Transformation so wichtig sind“. Wie schnell sich Blickwinkel verändern können…

 

KI-Vormarsch bewirkt neue Verhältnisse

Mit dem Einzug von KI in Unternehmen verschieben sich die Gewichte im Zusammenspiel der Generationen. Berufserfahrung, Kontextwissen und menschliche Urteilskraft gewinnen an Bedeutung, während die bloße Beherrschung digitaler Tools oder genereller digitaler Skills allein nicht mehr ausreicht.

KI kann große Datenmengen analysieren, Texte generieren und Entscheidungen vorbereiten. Sie ist jedoch weder „künstlich“ im eigentlichen Sinne – da sie auf menschlich erzeugten Daten, Modellen und Vorannahmen basiert – noch „intelligent“ im menschlichen Verständnis. Ihre Leistungsfähigkeit beruht auf statistisch-algorithmischer Mustererkennung und der Simulation von Sprache und Entscheidungen, nicht auf eigenem Verstehen, Bewusstsein oder Erfahrung.

Gerade deshalb stößt KI in organisationalen und menschlichen Kontexten an Grenzen: Sie bildet weder Unternehmenswissen, Unternehmenskultur noch implizite Entscheidungslogiken vollständig ab. Hier liegt die Stärke erfahrener Beschäftigter. Sie können KI-basierte Ergebnisse einordnen, bewerten, priorisieren und verantwortungsvoll weiterentwickeln.

Verantwortung entsteht dabei nicht automatisch durch Erfahrung oder technische Kompetenz, sondern durch reale Entscheidungsspielräume, die übernommen, reflektiert und getragen werden müssen.

KI ist kein handelndes Subjekt. Sie hat keine eigene Welterfahrung, kein Denken, kein Empfinden – sondern ist eine hochleistungsfähige Maschine zur Simulation und Verarbeitung von Wahrscheinlichkeitsmustern. Nicht mehr, nicht weniger.

 

Doch zurück zum Zusammenspiel der Generationen im unternehmerischen Kontext. Für die Zukunft könnte man hier eine gegenläufige These aufstellen:

Es wird nicht primär die ältere Generation sein, die in der modernen Arbeitswelt den „Anschluss verliert“, sondern eher diejenigen, deren Aufgaben sich leicht digitalisieren und automatisieren lassen. Hierzu zählen sehr oft gerade klassische Assistenz- und Juniorfunktionen, soweit sie überwiegend auf standardisierte Routinetätigkeiten reduziert sind.

 

Eine spannende und sehr wichtige Frage mit Blick auf die betriebliche Nachwuchsförderung lautet daher:

Wer übernimmt künftig noch Verantwortung für den Nachwuchs in einer Zeit, in der der wirtschaftliche Druck auf Unternehmen immer größer wird, KI nie krank wird, keinen Urlaub braucht und deutlich weniger kostet?
Wer bringt jungen Menschen noch bei, einen Beruf von Grund auf zu lernen, mit all seinen Fehlern, Erfahrungswerten und Entscheidungen. Damit diese später überhaupt in der Lage sind, den Output von KI kompetent zu nutzen und professionell zu veredeln? Noch wichtiger: damit diese im Ganzen beruflich reifen können.

Aktuell zeigt sich, dass jüngere Generationen KI-Tools wie ChatGPT, Gemini &Co. im privaten Alltag zwar häufiger nutzen als ältere Generationen – zugleich den Outputs von KI aber auch unkritischer gegenüberstehen. Zudem sind die gerade in beruflichen Kontexten bisher meist noch wenig geübt und kreativ – also da, wo es darum geht, KI-Tools gezielt mit Hintergrundwissen und Blick auf spezifische Anforderungen und Fragestellungen zu nutzen und selbständig weiterzuverarbeiten. Dies kann zu einer trügerischen Kompetenzwahrnehmung führen: Schnelle, formal überzeugende Ergebnisse werden mit fachlicher Urteilsfähigkeit verwechselt, obwohl das notwendige Kontext-, Erfahrungs- und Entscheidungswissen noch fehlt.

Dies setzt längere berufliche Erfahrung und begleitetes Lernen in unternehmensspezifischen Handlungskontexten voraus. Das ersetzt keine KI.

 

Nachwuchsförderung in Zeiten von KI und Automatisierung

Das traditionelle Modell der Nachwuchsförderung folgt bislang einer einfachen Logik: Junior- oder Assistenzkräfte übernehmen zunächst vor allem repetitive Aufgaben, lernen im Arbeitsalltag („on the job“) und unterstützen erfahrene Mitarbeitende, indem sie deren Wissen weitertragen und anwenden.

Genau diese Aufgaben können Chatbots, KI-Assistenten und automatisierte Prozesse jedoch bereits heute – oder in naher Zukunft – oft schneller und effizienter erledigen. Entsprechend finden sie in der betrieblichen Praxis zunehmend Einsatz.

Viele zentrale berufliche Kompetenzen entstehen jedoch nicht durch formale Schulungen, sondern durch implizites Lernen im Arbeitsalltag – durch Wiederholung, Fehler, Korrektur und situatives Handeln im realen organisationalen Kontext.

 

Dadurch ergeben sich ernsthafte betriebliche Konsequenzen.

Insbesondere:

  • Weniger praktische Lernmöglichkeiten für Junioren.
  • Weniger direkte Interaktion mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen.
  • Wissensverlust, wenn erfahrene Mitarbeitende in Rente gehen, ohne ihr Know-how weiterzugeben.

 

Verbundene Gefahren davon sind beispielsweise:

  • Steigende Fehleranfälligkeit, wenn bei fortschreitender Automatisierung von Routineaufgaben nur noch komplexe Aufgaben und Entscheidungen übrig bleiben – dem Nachwuchs dafür aber erforderliche Lernplattformen und Entwicklungsmöglichkeiten fehlen.
  • Zudem drohen verschärfter Fachkräftemangel und Leadership-Lücken: Zukünftige Fach- und Führungskräfte werden in ihrer Entwicklungsphase nicht ausreichend trainiert und strategisches Denken fehlt bzw. bleibt unterentwickelt.

Wenn Unternehmen diese Risiken ernst nehmen, müssen sie ihre Modelle der Nachwuchsförderung neu denken.

 

Überlegen Sie hier selbst einmal: Besteht in Ihrem Unternehmen bereits ein entsprechendes Problembewusstsein? Welche aktuellen Strategien und Mittel der Nachwuchsförderung setzt Ihr Unternehmen bisher ein? Was könnte mit Blick auf zunehmenden KI-Einsatz und den Wegfall von Routinetätigkeiten besser gemacht werden, um die schrittweise Reifung jüngerer Mitarbeitender zu fördern?

 

Mögliche Lösungen für das Dilemma könnten beispielsweise sein:

  • Mentorship-Programme: Seniore Mitarbeitende – auch dafür bereite Ruheständler – systematisch für Coaching-Aufgaben gewinnen und einplanen. Fokus auf Erfahrungsweitergabe, nicht nur auf die Bewältigung aktueller Aufgaben.
  • Lernprojekte / Job-Rotation: Junioren gezielt auch in Projekte einbinden, die nicht automatisierbar sind (kreative Problemlösung, strategische Entscheidungen, Management-Projekte)
  • Digitale Lernplattformen: Reine Wissensvermittlung mit menschlicher Reflexion kombinieren.
  • Verantwortung explizit übertragen: Aufgabenfelder, die früher ein „Nebenbei-Lernen“ ermöglichten, bewusst in Juniorrollen integrieren, auch wenn Routineaufgaben bereits automatisiert sind.
  • Nachhaltigkeit: Trotz wachsender Bedeutung von KI kann das übergeordnete Entwicklungsziel nicht sein, jüngere Mitarbeitende nur einseitig im professionellen Einsatz von KI zu befähigen. Kernziel sollte sein, deren strategische, kreative und organisatorische Reifung im betrieblichen Kontext insgesamt zu fördern.

Wirksam werden können solche und weitere Lösungsansätze aber nur, wenn dafür entsprechende Konzepte vorliegen und Mittel für die Umsetzung bereitgestellt werden – worauf, das lehrt praktische Erfahrung, gerade in Zeiten zunehmenden wirtschaftlichen Drucks häufig verzichtet wird. Entwicklungsförderung gilt dann schnell als Luxus, und absehbare Langfristfolgen entsprechender „Unterlassungen“ werden einfach verdrängt.

Damit aber riskieren Unternehmen eine Generation von Mitarbeitenden, die zwar KI bedienen kann, strategisch, kreativ und organisatorisch aber nicht reif ist. Damit ist auf längere Sicht weder dem Unternehmen noch den Mitarbeitenden gedient.

Entwicklungsmöglichkeiten und Zukunftschancen junger Menschen – aber auch die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen – drohen so auf der Strecke zu bleiben.
Wohlgemerkt: Hausgemacht!

Noch ist es aber nicht soweit. Im aktuellen Frühstadium des betrieblichen KI-Einsatzes ist noch Zeit, vorausschauend zu handeln und Risiken frühzeitig präventiv zu begegnen.

 

Nicht nur Unternehmen, sondern auch die Mitarbeitenden sollten sich umstellen

Jungen Mitarbeitenden sei ein ehrlicher Impuls mitgegeben:

Lange bestand das Gefühl, durch digitale Selbstverständlichkeit einen Vorsprung im Berufsleben zu haben. Mit dem Einzug von KI gilt das so nicht mehr.

Wer heute lediglich KI nutzt, ohne deren Ergebnisse einordnen, hinterfragen und weiterdenken zu können, wird sich schwer behaupten. Reines Bedienen ersetzt weder Fachlichkeit noch Urteilskraft. Im Gegenteil: Wer KI unkritisch übernimmt, macht sich austauschbar.

Wer glaubt, gutes Prompten ersetze Erfahrung, verkennt das Entscheidende: Die Qualität der Antworten hängt nicht von der Formulierung, sondern vom Verständnis der Sache ab.

Berufliche Aufgaben werden für viele nicht einfacher, sondern anspruchsvoller. Gefragt sind Menschen, die Zusammenhänge erkennen, Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen können. Wer das nicht lernt, wird es schwer haben, überhaupt dauerhaft Anschluss zu finden. Nicht, weil KI besser ist, sondern weil Unternehmen Menschen brauchen, die mehr leisten als das Wiederholen maschineller Vorschläge.

Entwicklung entsteht nicht dort, wo alles bequem läuft. Sie entsteht dort, wo Unsicherheit ausgehalten wird, wo man Verantwortung übernimmt, auch wenn sie nicht ausdrücklich eingefordert wird, und wo man bereit ist, Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen. Diese Situationen müssen gesucht werden. Sie kommen nicht von selbst.

Ebenso entscheidend ist es, den Austausch mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen bewusst zu suchen. Nicht als Absicherung, sondern als Lernquelle. Erfahrungswissen lässt sich nicht prompten. Es entsteht aus Entscheidungen, aus Abwägungen, aus Konsequenzen. Wer dieses Wissen nicht aktiv sucht, wird es später nicht ersetzen können.

Zugleich richtet sich ein klarer Appell an die erfahrenen Mitarbeitenden: Entwicklung gelingt nur, wenn Erfahrung weitergegeben wird. Nicht erst auf Nachfrage, nicht nur formal, sondern bewusst und proaktiv. Wer Wissen zurückhält, spart kurzfristig Zeit, gefährdet aber langfristig die eigene Organisation.

Berufliche Entwicklung ist anstrengend. Sie kostet Zeit, Geduld und Energie. Aber sie entscheidet darüber, wer in einer Arbeitswelt mit KI tragfähig bleibt und wer nicht. KI kann unterstützen. Tragen müssen Arbeit, Entscheidungen und Verantwortung weiterhin Menschen. Und genau darin liegt auch ihre Bedeutung.

 

 

Kontakt aufnehmen und austauschen

Interessiert am weiteren Austausch und unternehmensspezifischen Projekten zum Thema?
Dann sprechen Sie uns gerne an: Tanja Höllger – tanja.hoellger@heuteundmorgen.de – Telefon: +49 221 995 00 5 0. Wir freuen uns auf ein vertiefendes Gespräch mit Ihnen!

Weitere Blogbeiträge zu zukunftsrelevanten und innovativen Themengebieten der Marktforschung und der Organisationsentwicklung finden Sie regelmäßig in der Themenübersicht unseres Blogs „Plan Z – Zeit für Zukunft“.

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